MEIN SPRACHAUFENTHALT IN AUSTRALIEN von Andrea Gurzeler
Am 7. Juli 2005 wurde ich von meiner Familie zum Flughafen Zürich gefahren, wo ich meine Freundin Martina getroffen habe. Wir konnten es uns noch nicht vorstellen, nun war es also soweit, in einigen Stunden werden wir auf der anderen Seite der Welt sein. Beide verabschiedeten wir uns von unseren Familien und Freunden und passierten die Passkontrolle.

Nun waren wir alleine mit unserem grosses Problem, nämlich dass wir beide unter Flugangst litten, was für einen 20 Stundenflug nicht gerade förderlich sein würde. Doch wir überlebten den Flug und kamen erschöpft in Cairns an. Ich fühlte mich etwas verloren und die ersten Tage war es fast unvorstellbar, 10 Wochen in diesem Land zu bleiben und mit Leuten zu wohnen, die ich eigentlich gar nicht kannte.

Alle hatten mir immer gesagt: „Wenn du einmal in Australien bist willst du gar nicht mehr zurück und dich wird das Reisefieber packen!“. Ich reiste nicht sehr gerne und so glaubte ich ihnen kein Wort und während den ersten Tagen schien ich im Recht zu sein.Doch schon nach 3 Tagen änderte sich langsam meine Meinung. Ich hatte eine geniale Klasse mit einer guten Lehrerin und was noch viel wichtiger war, meine Host-Family und der dazugehörige Hund stellte sich als echter Glückstreffer heraus. Sie wurden zu meiner zweiten Familie und waren für mich wie Vater und Mutter.

      Meine Host-Family

Jedes Wochenende war ein anderer Ausflug angesagt. Manchmal mit der Schule, manchmal mit meiner Familie. Sei es Kanufahren, Campen im Outback, Tennis spielen, mit dem Hund spazieren gehen, Schnorcheln oder Reiten. So lernte ich viel über das Land Australien und die Australier. Doch wie es so ist, waren fast die Hälfte der Leute in Cairns, so schien es mir zumindest, Japaner, Koreaner und Schweizer. Nun, Schweizer bin ich natürlich gewohnt, doch die asiatische Lebensweise stellte sich als sehr spannend heraus. Sei es, dass viele schon nach fünf Minuten Bus- oder Schifffahrt einschliefen oder dass ihnen Alkohol nicht sonderlich gut bekam oder sie sich bei Polizeikontrollen prima herausreden konnten, mit dem einfachen Trick: „I don’t speak English“ und dann einfach davon fuhren. Und ein weiterer Vorteil der vielen Nationen war, dass wir hier alle fremd waren und schnell neue Freundschaften schlossen.

Bei meiner Gastfamilie wohnten zeitweise auch eine Spanierin und einige Wochen eine Japanerin, beide auch Studentinnen. Was sich zu Beginn als Reise in die Ungewissheit darstellte, entpuppte sich als reiner Traum. Ich fand viele neue Freunde und wurde jeden Tag aufs Neue von der freundlichen Art der Australier überwältigt. So kam es, dass bereits nach 2 Wochen nur noch selten ein schweizerdeutsches Wort fiel, also meistens Englisch gesprochen wurde, und ich mir mittlerweile gar nicht mehr vorstellen konnte, nur 10 Wochen dort zu bleiben. Es schien so, als ob mich nun wirklich auch das Australienfieber gepackt hatte.

Jeder Ausflug hatte seine Besonderheiten und war auf seine gewisse Weise unvergesslich.
Dabei kommt mir der eine Ausflug auf dem Boot in den Sinn. Wir dachten, es wäre bestimmt eine gute Idee einmal mit einem Boot auf eine Insel zu fahren, doch nicht die Idee an sich war schlecht, sondern das Wetter. Nun ja, was heisst schon schlechtes Wetter. Es war stürmisch und das Wasser überflutete das Boot regelrecht. Ich, auf dem Dach des Bootes sitzend, wusste nicht recht, ob ich vor Angst oder vor Lachen sterben würde. Vor Angst, da es immer ungemütlicher wurde, vor Lachen, da es mehr als lustig war, den Leuten, vorwiegend Japanern, zuzusehen, wie diese den hohen Wellen auszuweichen versuchten und trotzdem tropfnass wurden. Schlussendlich erinnere ich mich aber viel lieber an all die klatschnassen Gesichter und die schrillen Schreie der Leute.

      Fitzory Island

An einem Wochenende war „Horseriding“ geplant. Fit und zufrieden kamen wir auf dem Reiterhof an und schon nach einer kurzen Gruppeneinteilung sassen wir auf unseren Pferden und ritten los. Es war ein genialer Tag, mit dem kleinen Nebeneffekt, dass in den nächsten Tagen dann der Muskelkater zum Vorschein kam.

      Ich beim Horseriding

Eines Tages entschlossen Martina, Sarah und ich spontan, einen Trip nach Sydney zu organisieren. Auch hier war ich zu Beginn sehr skeptisch, denn es hiess wieder einmal fliegen und wir hatten keine Ahnung was uns erwarten würde.

Der Flug war im Vergleich zu Schweiz – Australien ein Kinderspiel, doch die erste Hürde hatten wir dann bereits in Sydney auf dem Flughafen zu überwinden. Lauter ausländische Taxi-Chauffeure mit einem eigenen Dialekt versuchten uns jeweils für ihr Unternehmen zu begeistern. Völlig verloren sprach uns schlussendlich eine Frau an und meinte wir sollten ihr folgen. Da wir keine andere Alternative sahen, gingen wir mit ihr mit. Anfänglich war es ja nur Skepsis, doch mit unserer ausgeprägten Fantasie waren wir bald bei der Überzeugung angelangt, dass diese Frau uns entführen wolle und es war uns nicht mehr so wohl. Doch auch dies klärte sich zum Glück auf, denn scheinbar gibt es in Sydney diesen Beruf, bei dem jemand Reisende zu den passenden Taxistellen führt. Wir hatten uns also richtig lächerlich gemacht. Sydney war einfach grossartig und auch hier lernten wir viele neue Leute kennen. Unser Kurztrip von 4 Tagen verging wie im Flug und schon hiess es erneut in das Flugzeug steigen und zurück nach Cairns.

      Sydney (Opera House and Harbour Bridge)

Doch die Traurigkeit wurde schon in der ersten Minute „zu Hause“ wieder besser, denn obwohl es mitten in der Nacht war, als ich nach Hause kam, erwartete mich meine Gastfamilie mit offenen Armen und ich konnte all meine Erlebnisse schildern. Ich fühlte mich wirklich, wie wenn ich nach Hause gekommen wäre.

Nach fünf Wochen in Australien vergingen die Tage immer noch schneller und als die letzten beiden Wochen anbrachen wurde ich immer trauriger. Nun sollte ich schon wieder meine Familie verlassen, doch es war nicht dasselbe wie vor 10 Wochen. Als ich nach Australien aufbrach, wusste ich, dass ich meine Familie in der Schweiz bald wieder sehen würde, doch der Aufbruch von Australien würde mir sehr schwer fallen, denn es war ungewiss, wann ich meine neue, zweite Familie wieder sehen würde.
Sie waren nicht nur wie Eltern für mich, ich war auch wie eine Tochter für sie geworden. Ich musste immer wieder von Freunden, die ich in Australien kennen gelernt habe, Abschied nehmen, doch der Abschied von meiner Familie schien mir unmöglich.

      Meine Freunde und ich im Tropical Zoo in Cairns

Auf dem Flughafen versuchten wir unsere Tränen zurückzuhalten, doch ganz war dies nicht möglich. So verabschiedeten wir uns mit dem Versprechen, dass wir uns wieder sehen werden. Nach einem weiteren Flug bis Singapur, mit einem längeren Aufenthalt, bei dem wir alle Rollbänder am Flughafen mindestens einmal gefahren sind und auch jede Ecke des Flughafens bestaunt hatten, hiess es weiterfliegen und zurück in die Schweiz.

      Flughafen Singapur

Es war schön, die Familie wieder in die Arme zu nehmen, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ein Teil von mir in Australien geblieben war. Und auch heute weiss ich, dass ein Teil von mir immer dort sein wird, bei meiner neuen, zweiten Familie, in einem wunderschönen Land, mit netten Leuten und allen Abenteuern die ich erleben durfte.

Ich muss nun zwar zugeben, dass alle Recht hatten, die mich vor den Nebenwirkungen, wie Reisefieber und Australienwahn gewarnt hatten, doch das ist es mir Wert. Denn heute bin ich um viele Erfahrungen und Freunde reicher und weiss, dass ich sobald wie möglich wieder verreisen werde und dann nicht mehr ins Ungewisse, sondern zu all den lieben Menschen, die ich kennen gelernt habe, speziell natürlich meiner Gastfamilie.

Das war mein Sprachaufenthalt, der viel zu schnell vorbei ging und mir ewig in Erinnerung bleiben wird.

Ps: nach genau10 Starts und 10 Landungen bin ich wohl bald ein Flugprofi und das mit der Flugangst habe ich auch langsam im Griff ;-)

      Beim Barbecue


Autorin: Andrea Gurzeler, 19 Jahre
Sprachaufenthalt: Juli bis September in Cairns, Australien

Weitere Bilder zu diesem Bericht
   
      Der Hund meiner Host-Family

      Sonnenaufgang bei Yorkys Knob



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