Bruno SchulerDie erste grosse Überraschung war mein Homestay. Ein tolles Zimmer mit eigener Waschmaschine und Küche wartete in einem typisch kanadischen Einfamilienhaus auf mich. Mit drei sehr lebhaften Kindern zwischen drei und sechs Jahren wurde es mir nie langweilig.
Der einstündige Schulweg von Nord Vancouver in die City war bestimmt nicht der kürzeste. Dafür wurde ich von meinem Zimmer aus täglich mit einer fantastischen Aussicht nach Vancouver und Stanley Park entschädigt. Zudem machte die 15 Minuten lange Fahrt mit dem Sea Bus über das Vancouver Hafenbecken den Schulweg angemessen abwechslungsreich. Jeden Tag konnte man von neuem die gigantischen Kreuzfahrtschiffe, Tanker und Holztransporter beobachten, wie sie durch die Meerenge, genannt First Narrow, zwischen dem Stanley Park und North Vancouver hindurch zirkelten. Wer nach British Columbia fliegt, landet nicht nur auf einem anderen Kontinent. Beim Landeanflug auf Vancouver grüsst Euch auch noch der Pazifik. Deshalb ist Vancouver auch der wichtigste Schiffshafen im Westen von Kanada.
Vancouver Meine Schule war dann nur noch ca. zehn Minuten von der Sea Bus Station beim Canada Place in Vancouver Downtown entfernt. Sie befindet sich gleich gegenüber dem Pacific Center, einem der grössten Einkaufscenter in Vancouver, an der Howe Street. Um meine Englischkenntnisse möglichst zügig zu verbessern, absolvierte ich an der ELS einen 8-wöchigen Intensivkurs, der mich in keiner Beziehung enttäuschte. Während meiner ganzen Schulzeit konnte man trotz Hauptsaison die anwesenden Schweizer an einer Hand abzählen. Der Unterricht war hervorragend organisiert, wie auch sehr lehr- und abwechslungsreich. Die Möglichkeit, meine Englischkenntnisse im Computerraum zu verbessern, war deshalb eine passende Abwechslung. Zudem schätzte ich, dass uns mehrere Internet-Anschlüsse zur Verfügung standen, um den Kontakt mit zu Hause nicht ganz zu verlieren! Trotz der vielen Hausaufgaben blieb mir dennoch genug Zeit die Stadt zu entdecken.
Auch in dieser Hinsicht hatte die Schule einiges zu bieten. Exkursionen in der Region um Vancouver, aber auch in die nahen USA werden von der Schule zu erschwinglichen Preisen offeriert und durchgeführt. Erwähnt sei der schulfreie Freitagnachmittag, an dem die Schule einen Gratistrip anbot. Jeweils Ende des Monats lud die Schule sogar zu einem super Barbecue ein, zu Ehren all derjenigen die nach Hause zurückkehrten.
Vancouver ist geradezu ideal für kleine Trips in alle vier Himmelsrichtungen. Zum Beispiel in den Norden: In nur ca. 1 1/2 Stunden erreichte ich per Auto auf dem Sea to Sky Hwy 99 Whistler. Bereits zweimal wurde Whistler zur besten Skiregion in ganz Nordamerika ernannt. Somit konnte ich auch im Monat Juli noch auf dem Blackcomb Gletscher das Snowboard schwingen (Ausrüstungen können gemietet werden).
Whistler bietet natürlich noch massenhaft andere Sportmöglichkeiten an; sei es Rollerbladen um den Alta Lake, Mountain Biken auf den hervorragenden Waldwegen oder schlicht einen Spaziergang durch das neuerbaute Whistler Village. Noch weiter nördlich auf dem Hwy 99 erreicht man bald Lillooet, ein altes Goldgräberstädtchen. Die Strecke dorthin führt durch ein Tal mit spektakulären Felsformationen und schroffen Felsspitzen in eindrucksvollen Farbspielen.
In nur einer Stunde findet man das östlich von Vancouver gelegene Abbotsford. Für mich als Aviatik-Freak befindet sich dort einer der interessantesten militärhistorischen Flugplätze. Dort findet jedes Jahr im August eine der grössten Flugshows in Nordamerika statt. Von Abbotsford aus, das sich nur zehn Minuten entfernt von der Landesgrenze Canada/USA befindet, sieht man bei guter Fernsicht greifbar nahe den ca. 60 km entfernten Mt. Baker mit seiner prächtigen Gletscherkappe. Dieser 3285 m hohe Vulkan, welcher sich bereits im State Washington/USA befindet, ist immer noch aktiv. Auch diese Region kann ich für einen Ausflug bestens empfehlen - entscheidet man sich hingegen für eine Ausfahrt, dann empfiehlt es sich, ein Zelt mit Schlafsack mitzunehmen.
Eindrücklich, Vulkankrater und Gletscher auf dem Mt. BakerUnd was gibt es Gutes im Süden von Vancouver? Nein, es gibt nicht nur Seattle: In nur ca. 1 1/2 Stunden Fahrzeit erreicht man mit dem Auto oder mit dem Bus die Staatsgrenze zu den USA. Kalkuliert genug Zeit ein; gut und gerne verstreichen am Zollübergang ein bis zwei Stunden wegen eingehenden, akribischen Fahrzeug- und Passkontrollen. Auf dem Interstate Hwy 5 ist nun bald Burlington erreicht. Sehr empfehlenswert ist, wenn man westwärts weiter auf dem Hwy 20 fährt, so gelangt man auf die Oak Harbor Island mit der Fährschiffstation Keystone. Diese führt nach Port Townsend, wo ich den Abstecher in den Olympic National Park bis heute nicht bereut habe.
Weiter empfehlenswert ist natürlich ein Trip auf die Vancouver Island. Verschiedenste Reisemöglichkeiten bieten sich für das Überqueren der «Strait of Georgia» an. Die eleganteste und schnellste Variante ist bestimmt die mit dem Wasserflugzeug, direkt vom Vancouver Hafen nach Victoria, in die Hauptstadt der Provinz British Columbia notabene.
Vancouver ist eine tolle Stadt, sie verfügt über ein hervorragendes öffentliches Verkehrsnetz, so dass es grösstenteils nicht nötig ist, ein Auto zu mieten. Nicht umsonst wurde das Vancouver Transportsystem im Jahre 1995 zum besten der Welt gewählt. Zu erwähnen ist, dass einige Beförderungsanlagen, zum Beispiel der schnelle Sky Train, der quer über die Stadt führt, eigens für die Weltausstellung von 1986 gebaut wurden. Empfehlenswert ist ein Monatsabonnement, das man je nach Zone bereits ab ca. Fr. 50.– bekommt. Falls Ihr einmal bis spät in die Nacht hinein im Ausgang seid, so vergesst nicht den Nachtbus, der um einiges billiger ist als ein Taxi. Apropos Taxi: wundert Euch nicht, wenn 99% der Taxifahrer aus Indien stammen. Die Inder sind nämlich nebst den Kanadiern und den Personen aus dem Land der aufgehenden Sonne die drittgrösste Bevölkerungsgruppe in British Columbia! Warum ist Vancouver derart aussergewöhnlich? Einerseits mag es wohl daran liegen, dass es für jedes Individuum etwas Spezielles gibt. Sei es Kultur, Kunst, Sport oder nur eine endlose Einkaufsstrasse wie die Robson Street. Anderseits mögen auch die verschiedenen Sprachschulen und die Universität of British Columbia weitere Gründe dafür sein, dass Vancouver vor allem für Studierende ein attraktiver Flecken auf diesem Erdball ist. Tatsache ist, dass Vancouver, verglichen mit den europäischen Städten, relativ jung ist. Wer also eine alte Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert sucht, befindet sich am falschen Ort. Vancouver ist eine moderne Stadt mit Charme.
Ein Erlebnis: Fliegen in Vancouver. Wie bereits erwähnt, bietet Vancouver für Jeden etwas, demzufolge auch für Fliegerfreaks. Der Wunsch, sich den Vögeln gleich in die Luft zu erheben, und dies erst noch im Lande mit den unbegrenzten Territorien, war schon lange mein Traum. Diesen Traum, selber ein Motorflugzeug zu pilotieren, konnte ich mir dann während meines rund 2-monatigen Aufenthaltes erfüllen. Da ich bereits im Besitz einer Privatpilotenlizenz bin, machte ich mich auf die Suche nach einem Flugplatz mit Flugschule in der Nähe von Vancouver, um dort meine Schweizer Lizenz mittels einem Check-Flug in eine kanadische Lizenz umzuschreiben. Mit dem «Boundary Bay» Flugplatz, der ca. 30 Busminuten südlich von Vancouver liegt, fand ich schnell das, was ich gesucht hatte. Bald konnte ich selber das imposante Vancouver aus der dritten Dimension auskundschaften und so unbeschreiblich schöne Flugerlebnisse erfahren. Vielfach zog es auch Klassenkameraden und Englischlehrer mit und sie erlebten mit mir «many happy landings»! Somit war ich gezwungen, stets Englisch zu sprechen, was sich natürlich positiv auf mein Vokabular auswirkte. Mit diesen wertvollen und faszinierenden Erfahrungen, die ich während meines Sprachaufenthaltes erleben durfte, möchte ich an dieser Stelle alle dazu ermuntern, ebenfalls ausserhalb des Schulzimmers aktiv zu werden.
Glücklich gelandet auf dem Boundary Bay AirportNatürlich gäbe es noch viel mehr zu erzählen. Angenommen, Ihr entscheidet Euch für einen Sprachaufenthalt in Vancouver, so vergesst nicht, vor Eurer Rückkehr auf den Grouse Mountain zu steigen, der sich in der Region von Nord bzw. West Vancouver befindet. Den Gipfel könnt Ihr mit einer Schweizer Luftseilbahn oder auf einem sehr steilen Fussweg mit ca. 500 Metern Höhendifferenz erreichen. Letzteren kann ich Euch nur empfehlen, denn nur zu Fuss verdient man den Gipfelwein. Ich kann Euch garantieren, dass Ihr an einem schönen klaren Abend einen faszinierenden Sonnenuntergang in allen möglichen Rottönen erleben dürft. Dieses ganz persönliche «Souvenir» wird Euch noch lange an Vancouver erinnern und so die Sehnsucht zurückzukehren mildern.
Autor: Bruno Schuler, 29 Jahre
Sprachaufenthalt: Juni bis August in Vancouver, Kanada
Freizeit: Fliegen, Snowboarden, Wetterkunde
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